Die Prager Burg thront mächtig und eindrucksvoll auf dem Hradschin über der Kleinseite. In ihrer über 1000 jährigen bewegten Geschichte wurde sie teils von Bränden und Zerstörungen heimgesucht, oder aber von ihren neuen Besitzern gemäß dem jeweiligen Zeitgeschmack umgestaltet. Heute vereinigt sie ein Sammelsurium verschienster Bauepochen . Beim ersten Blick von der Stadt auf den Burgberg tut sich der Neuling daher schwer, festzulegen, welche der Gebäude denn nun zur Burg gehören und welche nicht. Erleichtert wird die Zuordnung nur, wenn die ganze Burg bei Dunkelheit angestrahlt ist.

Ein schönes Beispiel für die Mixtur verschiedener Bauepochen findet sich am Eingang zum zweiten Burghof. Das barocke Matthiastor wurde in den klassizistischen Gebäudekomplex, der es umgibt, einfach eingearbeitet. Hier wurde umbaut, aber all zu oft wurde überbaut. Im zweiten Burghof wurden zu Zeiten Maria-Theresias die Bauwerke der verschiendenen Epochen, die hier planlos nebeneinander standen, schlichtweg mit der damals modernen klassizistischen Optik überzogen und vereinheitlicht.Das gleiche Bild bietet der dritte Burghof. Die Fassaden, die den Hof umschließen, obwohl unterschiedlich alt, unterscheiden sich heute nur noch in ihrer Farbe. Sie wurden ebenfalls zu Zeiten Maria-Theresias neu "eingekleidet". Nur einige wenige Figuren überlebten die Modernisierungsmaßnahmen. Die Lichtträger von Ignaz Platzer d.Ä. schmücken noch den Eingang der heutigen Kanzlei des Präsidenten.

Beim Betreten des dritten Burghofes trifft man unverhofft auf eine riesige Wand, die einem den Weg verbaut. Man sieht also rechts in den Burghof, wendet sich nach links auf der Suche nach einem Weg um die Wand herum. Dort entdeckt man einen kleinen Strassenzug mit eher mittelalterlichen Häuschen. Wie so oft in Prag, füllen sich die Bilder vor dem inneren Auge sofort mit Leben und dem Gefühl eine Zeitreise gemacht zu haben. Eine Kutsche fährt vor und das Pferdegetrappel hallt von den Wänden der engen Gasse wieder. Es herrscht geschäftiges Treiben, Bedienstete des Hofes eilen von hier nach da, Marketender bieten ihre Waren feil. Und man selbst steht staunend inmitten dieser Szenerie.

Aber wo ist denn jetzt der Veitsdom ? Also wieder zurück zum Ausgangspunkt vor der Wand. Und hier hilft der Herdentrieb weiter. Folgt man einfach den anderen Besuchern, wendet sich der Blick nach oben. Ganz wie bei Franz Kafka erfolgt mit jedem Meter, den man den Kopf höher hebt, die Verwandlung der Wand in die Westseite des Veitsdoms. Jedem Kölner wird bei diesem Anblick wahrscheinlich warm ums Herz, da man fast vor dem Kölner Dom zu stehen glaubt. Doch nicht nur optisch hat der Veitsdom einiges mit dem Kölner Dom gemein. Den Wettlauf um die Rekordbauzeit hat er zwar verloren, ist aber mit 600 Jahren nicht weit davon entfernt. Die Grundsteinlegung erfolgte 1344. Viele Baumeisterleben später im Jahre 1929 wurde er nach Plänen der mittelalterlichen Urheber vollendet.

Wenn man sich nun weiter in die "Burg" hineinbegibt stößt man auf immer mehr verschiedenartige Gebäude. Das Stilgemisch ist wirklich beeindruckend. Hier, wie auch bei so manch einer anderen Besichtigung hatte unser Besuch im Februar enorme Vorteile, da wir meist ungestört die Atmosphäre genießen konnten. Zu unsrem Leidwesen gab es aber auch einen entscheidenden Nachteil: die Kälte! Von Tag zu Tag wurde unsere Kleidung polartauglicher, bis wir endlich einen Verpackungsgrad erreicht hatten, bei dem wir länger als 30 Minuten draussen umherlaufen konnten. Zum Schutz vor irreparabelen Kälteschäden waren wir all zu oft gezwungen unsere Sightseeingtouren zu unterbrechen und ein wärmendes Lokal aufzusuchen.

Mein persönlicher Favorit auf der Prager Burg ist das goldene Gässchen. Es ist der Rest der mittelalterlichen "Parasitärverbauung". Das hört sich ja nicht so verlockend an. Aber es handelt sich um eine Reihe winziger Häuschen, die sich in die alte Burgmauer schmiegen. Hier lebten im 16. Jahrhundert ursprünglich die Torwächter der Burg und Kleinhandwerker. Die hygienscihen Zustände und der Gestank müssen so schlimm gewesen sein, daß die Äbtissin der nebenan residierenden Nonnen die Gasse schließen ließ. Dabei wurden Teile der Gasse eingerissen. Es gibt auch Legenden, die besagen, daß hier einmal Alchemisten im Dienste Kaiser Rudolfs tätig waren. Ob der Name "goldenes Gässchen" als ironische Namensgebung aufgrund der Müll- und Gerchsbelästigung entstanden ist ,oder in der Alchemisten-Legende seinen Ursprung hat, weiss niemand so genau.

Heute ist es auf jeden Fall ein Highlight eines jeden Prag-Besuchs. In den liebevoll restaurierten Häuschen befinden sich Souvenierläden des gehobenen Anspruchs. Meist sind sie an die alten Handwerke angelehnt. Ein Laden mit Musikinstrumenten, einen Laden mit Stickereien und Stoffen, und so weiter. Beim Bestaunen der Auslagen sollte man aber nicht seinen Kopf vergessen. Und das ist nicht symbolisch gemeint. Die Türen der Häuser sind nicht höher als 1,70 m und auch im Inneren herrschen die mittelalterlichen Größenmaßstäbe vor. Alles in Allem kommt man sich ein wenig vor wie in seiner eigenen Puppenstube. Ob die schreiberischen Talente Franz Kafkas auch durch einem Kopfstoss an einer dieser Türen enstanden sind ? Auf jeden Fall lebte er mal für eine Zeit hier, im Haus Nr. 5 , bei seiner Schwester.