Das Jüdische Viertel Prags - die Josefstadt - verzaubert auf eine besondere Weise. Die bewegte Geschichte dieses Stadtteils erscheint einem so nah, als wäre erst gestern die letzte Schlacht geschlagen worden. Rabbi Löw, der berühmteste Bewohner dieses Viertels, ist so allgegenwärtig, daß man ihm an der nächsten Ecke zu begegnen glaubt.

Wo man im Rest Europas förmlich nach Überresten jüdischer Alltagskultur fahnden muß, erscheint einem hier eine letzte Insel jüdischen Lebens erhalten geblieben. Ein Trugschluß sicherlich, denn auch hier überlebte nur ein Bruchteil der jüdischen Gemeinde den Ausrottungsfeldzug des Nazi-Terrors. Im nahe Prag gelegenen Konzentrationslager Theresienstadt fanden etwa 40000 Prager Juden der Tod. Deren Hab und Gut sollte nach einem Plan Hitlers zur Errichtung eines Museums einer ausgestorbenen Kultur verwendet werden. Heute übrigens der Grundstock des jüdischen Museums in Prag. Die eigentliche Perversion wird einem bewußt, wenn man sich klarmacht, wie nah Hitler seinem Ziel gekommen ist. Heute leben nur noch 4000 Juden in Prag, von denen nur 1000 aktiv am Gemeindeleben teilnehmen. Die jüdische Kultur findet für die meisten jetzt schon im Museum statt.

Das jüdische Museum ist in der ganzen Josefstadt verteilt und besteht aus vier Synagogen und dem Friedhof. Die Pinkas-Synagoge ist heute ein Mahnmal des Holocaust. Die Innenwände sind bedeckt mit Namen, Geburts- und Sterbedaten der KZ-Opfer. Im Obergeschoss befindet sich eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen aus dem KZ Theresienstadt. Nachdenkliche Stimmung garantiert.

Auf dem Weg über den Friedhof begegnet man verschiedenen Typen von Grabsteinen. Die ältesten Grabsteine sind traditionell schlicht gehaltene Sandsteintafeln in die die Namen der Toten auf hebräisch eingemeißelt wurden. Im 16. Jahrhundert fing man an die Grabsteine aufwendiger zu gestalten. Man brachte Verzierungen an - vor allem Symbole wie Davidstern und Weinreben - und arbeitete die Schrift als Relief heraus. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bekamen wohlhabende und verdiente Bürger kostbare Tumben (Sarkophage). Eine Besonderheit ist das Tumbengrab der Ehefrau eines Finanzmagnaten des Kaisers. Dieses Privileg solcher Luxusgräber blieb sonst nur männlichen Representanten des Ghettos vorbehalten .

Der jüdische Friedhof schließt sich gleich an die Pinkas-Synagoge an. Hier wurden über viele Jahrhunderte die jüdischen Bürger Prags beigesetzt. Das Gewirr von Grabsteinen verschiedensten Alters (der älteste Grabstein ist von ca 1440) hat seinen Ursprung in einer chronischen Platzknappheit. Da es den Juden verboten ist, ihre Toten zu exhumieren und die Stadt Prag wiederum ihnen verbot, die Toten außerhalb der Stadt zu begraben, mussten immer wieder neue Erdschichten aufgebracht werden, um Platz für neue Gräber zu schaffen. Das heutige Friedhofsniveau liegt einige Meter über der Umgebung und wird von einer Mauer eingerahmt.

Die Maisel-Synagoge wurde wurde als Familiengebetsstätte vom jüdischen Mäzen Mordechai Maisel 1590 gebaut. Da der Erbauer sich zum Ziel gesetzt hatte, etwas noch nie Dagewesenes zu schaffen, wurden die Baukosten so hoch, daß die Synagoge nach seinem Ableben schuldenbedingt vorrübergehend geschlossen werden mußte. Ihr heutiges Äußeres erhielt die Synagoge nach einem Komplett-umbau am Anfang des 20. Jahrhunderts. Ebenfalls als ein Teil des jüdischen Museums befindet sich hier eine Austellung mit Kult- und Kunstgegenständen aus Metall.

Die wohl berühmteste Prager Synagoge ist die Altneu-Synagoge. Sie ist Europas älteste Synagoge. Hier werden heute noch täglich Gottesdienste gefeiert. Sie war Wirkstätte von Jehuda Löw ben Bezalel, genannt Rabbi Löw. Wenn man sich in der Synagoge herumführen läßt, erfährt man schnell mit welcher Erfurcht die Gemeinde noch immer ihrem berühmten Oberrabbiner,Talmundgelehrten und Vater des Golem entgegentritt. Der Golem, so besagt es die Legende, wurde von Rabbi Löw aus Lehm erschaffen und mit Hilfe einer geheimen Kabbalaformel zum Leben erweckt. Er sollte die jüdische Gemeinde Prags, die seit jeher Bedrohungen und Anfeindungen ausgesetzt war, beschützen und verteidigen. Nur am Sabbat mußte der Golem ruhen. Eines Tages vergaß Rabbi Löw den Golem zu Ruhe zu schicken und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Der Golem verfiel ungezügelter Raserei und Zerstörungswut. Der Rabbi schaffte es, ihn wieder in den Ruhezustand zu versetzen, aber schwor sich von da an ihn nie wieder aufzuwecken. Es wird erzählt, der Golem ruhe noch heute dort, wo ihn Rabbi Löw zurückließ - auf dem Dachboden der Altneu-Synagoge.